Eine Deutsch als Fremdsprache Kurzgeschichte
An einem dunklen Ecktisch in der Kneipe saß Paul und starrte missmutig in sein leeres Glas. Neben ihm plumpste plötzlich ein Mann auf den Hocker.
“Ist der Platz frei?” fragte der Fremde und schenkte sich Bier ein.
Paul nickte wortlos.
Der Fremde trank einen Schluck und musterte Paul kurz. “Sieht so aus, als ob der Tag Ihnen nicht gut getan hat.”
Paul zögerte kurz. “Alles fühlt sich so… sinnlos an”, murmelte er schließlich.
Der Fremde lächelte. “Manchmal hilft reden. Wollen Sie erzählen?”
Paul seufzte. “Ich hatte mal Träume. Große Träume. Ich wollte Arzt werden, Menschen helfen. Aber das Studium war zu schwer, das Geld zu knapp.”
Er schwenkte sein leeres Glas hin und her. “Also nahm ich den sicheren Job in der Fabrik. Gute Bezahlung, geregelte Arbeitszeiten. Aber…”
Pauls Stimme stockte. “Irgendwie ist die Zeit wie im Flug vergangen. Jetzt bin ich müde, meine Träume sind zerfallen wie Seifenblasen. Und in fünf Jahren ist schon Rente.”
Der Fremde nickte langsam. “Klingt nicht gerade nach einem erfüllten Leben.”
Paul schüttelte den Kopf. “Nein, ist es nicht.”
Ein kurzes Schweigen fiel zwischen den beiden Männern. Dann beugte sich der Fremde vor und flüsterte: “Aber was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass Sie Ihre Träume doch noch verwirklichen können?”
Paul starrte ihn ungläubig an. “Wie meinen Sie das?”
Der Fremde lächelte geheimnisvoll und zog eine alte Taschenuhr aus der Jacke. “Diese Uhr kann die Zeit zurückdrehen.”
Pauls Augen weiteten sich. “Die Zeit zurückdrehen? Ist das ein Scherz?”
Der Fremde schüttelte den Kopf. “Probieren Sie es aus. Drehen Sie die Zeiger zurück an den Tag, an dem Sie Ihr Medizinstudium abgebrochen haben.”
Paul nahm die Uhr zögernd entgegen. Sie fühlte sich warm und pulsierend in seiner Hand. Misstrauisch drehte er die Zeiger zurück.
Die Welt um ihn herum begann zu verschwimmen. Paul schloss die Augen fest und hielt die Luft an.
Als er sie wieder öffnete, saß er nicht mehr in der dunklen Kneipe. Er war jung, voller Tatendrang und starrte auf ein Stapel Bücher auf seinem Schreibtisch. Über der Tür prangte ein Schild: “Studentenwohnheim”.
Paul blinzelte ungläubig. Hatte es funktioniert? War er wirklich zurück in der Vergangenheit?
Mit einem freudigen Lächeln griff er nach dem obersten Buch: “Einführung in die Medizin”.
Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Herein spazierte seine damalige Freundin, ein besorgtes Gesicht im Schlepptau.
“Paul”, sagte sie, “deine Mutter hat angerufen. Dein Vater…”
Ihre Stimme stockte. Pauls Herz begann zu rasen.
“Was ist mit meinem Vater passiert?” fragte er mit angespannter Stimme.
Wird die Uhr Paul helfen, seine Träume zu verwirklichen, oder wartet in der Vergangenheit ein noch größeres Unglück auf ihn?
Alle Personen und Ereignisse in diesem Werk sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen, lebenden oder verstorbenen Personen oder tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig.
Last Updated on May 17, 2024
by DaF Books