Verborgene Lust

Der Fahrstuhl ruckelt und ächzt, als er in die Tiefe des verlassenen Wolkenkratzers taumelt. Ich bin gefangen in diesem blechernen Kasten mit drei anderen Fremden, die alle ein Geheimnis zu hüten scheinen. Die Spannung in der Luft ist so dick, dass man sie mit Händen greifen könnte.

Der Mann neben mir, ein gepflegter Geschäftsmann mit graumelierter Haartolle, schluckt nervös. Er flüstert mir zu, dass er insgeheim davon träumt, ein Krimineller zu sein, ein Mann, der die Regeln bricht und sich alles nimmt, was er will.

Die Frau gegenüber, eine junge Studentin mit schulterlangen Haaren, gesteht, dass sie sich nach einer dunklen Leidenschaft sehnt, nach etwas, das ihr Leben auf den Kopf stellt.

Der ältere Herr im Anzug, dessen Hände zittern, erzählt uns von seinem unstillbaren Verlangen nach dem Blut der Jugend. Er träumt davon, die Lebenskraft junger Menschen in sich aufzusaugen und ewig zu leben.

Ich selbst schäme mich für mein tiefstes Geheimnis. Ich träume davon, mich den dunklen Künsten hinzugeben, von der Macht der Verwandlung, der Fähigkeit, sich zwischen den Welten zu bewegen.

Der Fahrstuhl ruckelt plötzlich heftig, und die Lichter gehen aus. Wir sitzen in stockdunkler Stille, die nur von den eigenen Atemzügen unterbrochen wird.

Dann hören wir ein leises Grollen, das aus den Tiefen des Fahrstuhlschachts zu kommen scheint. Es ist ein Hunger, ein Durst, der nach uns lechzt.

Als sich die Türen öffnen, strömt ein kalter Wind herein, der die letzten Reste unseres Mutes zu erstarren scheint. Vor uns liegt nicht der Boden des Erdgeschosses, sondern ein dunkler Abgrund, ein Loch ins Nichts.

Ein Paar rote Augen flackert in der Dunkelheit, und ein süßliches Aroma steigt mir in die Nase. Ich schlucke und schaue auf meine Mitgefangenen. Ihre Gesichter sind verzerrt vor Angst und Ekel.

Der ältere Herr flüstert: “Die Vampire kommen.”

Ich schaue auf die Türen, die sich langsam wieder schließen.

“Sollen wir rennen?”, frage ich unsicher.

Meine Mitgefangenen schütteln ungläubig den Kopf.

“Da unten warten unsere Dämonen,” sagt der Mann mit der graumelierten Haartolle.

“Wir sollten uns ergeben,” schlägt die junge Studentin vor.

Der alte Mann nickt.

“Es ist unser Schicksal.”

Ich schaue auf die dunklen Tiefen vor uns. Ich spüre den Hunger der Vampire, ihre Verlockung.

Soll ich rennen? Soll ich mich ergeben? Bin ich tot?

…oder lebe ich noch?

Meine Augen flattern auf, und ich spüre, wie sich mein Herz in meiner Brust schneller und schneller schlägt. Ich kann kaum atmen, und mein Hals tut höllisch weh.

Ich versuche, mich zu bewegen, aber ich kann nicht. Ich liege auf dem kalten, harten Boden, und ich bin völlig außer Atem.

Ich öffne langsam meine Augen und sehe, dass ich in einem engen, dunklen Raum bin. Ich kann nichts erkennen, außer den Schatten an den Wänden.

Ich versuche, mich zu erinnern, was passiert ist. Ich erinnere mich an den Fahrstuhl, den Abgrund, die Gestalt in der Dunkelheit… und den Biss.

Ich habe Angst. Ich weiß nicht, wo ich bin oder was mit mir passiert ist. Aber ich weiß, dass ich hier nicht bleiben kann.

Ich strecke meine Arme aus und taste nach etwas, an das ich mich festhalten kann. Ich finde einen kalten, metallenen Griff. Ich ziehe daran, und die Türen des Raumes öffnen sich langsam.

Ich trete heraus und sehe, dass ich in einer großen, verlassenen Halle stehe. Die Halle ist leer, außer einem langen, dunklen Gang, der in die Ferne führt.

Ich gehe den Gang entlang, und ich spüre, wie die Angst in mir wächst. Ich weiß, dass ich nicht allein bin.

Ich höre ein Geräusch hinter mir. Ich drehe mich um und sehe, dass die Gestalt aus dem Fahrstuhl hinter mir steht. Sie ist größer und bedrohlicher als ich es erwartet hatte.

Sie streckt ihre Hand nach mir aus. Ich weiß, dass ich sie nicht nehmen darf, aber ich kann nicht widerstehen. Ich strecke meine Hand aus und nehme ihre.

Sie zieht mich an sich, und ich spüre, wie ihre kalten Lippen auf meine meinen drücken.

Ich will schreien, aber ich kann nicht sprechen. Ich kann nur fühlen, wie die Dunkelheit mich umgibt.

Ich bin verloren.

Oder bin ich es nicht?

Last Updated on December 29, 2023
by DaF Books

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