Ich bin ein Graffiti-Künstler. Mein Name ist Alex. Ich liebe die Nacht, die Dunkelheit, die Leere. In der Nacht kann ich mich frei entfalten, meine Kreativität ungehindert ausleben. Ich klebe mich auf die höchsten Gebäude, male meine Kunstwerke auf die grauen Betonwände, die sonst so gesichtslos und langweilig wirken.
Heute Nacht bin ich hier, an diesem verlassenen Wolkenkratzer. Er steht seit Jahren leer, ein Mahnmal an die Gier der Menschen, an ihren blinden Drang nach Größe und Macht. Ich spüre eine unheimliche Energie, die von ihm ausgeht, ein tiefes, pulsierendes Summen, das mir in den Knochen vibriert. Es ist, als ob der ganze Bau flüstern würde, Geheimnisse, die er niemals preisgeben will.
Ich steige über die kaputten Mauern, durch die Fenster, die zerbrochen und voller Glassplitter sind. Ich klettere die Treppen hoch, die verrostet und marode sind, die unter meinem Gewicht knarren und ächzen. Ich weiß, dass ich hier nicht sein sollte, dass ich mich in Gefahr begebe. Aber ich kann nicht widerstehen, ich muss dem Summen folgen, es zieht mich magisch an.
Endlich, ganz oben, entdecke ich eine versteckte Kammer. Sie ist klein und dunkel, nur ein schmaler Lichtstrahl fällt durch ein zerbrochenes Fenster. Der Raum ist leer, außer einem einzigen Gegenstand: einem kleinen, schwarzen Zylinder, der auf einer steinernen Platte steht.
Ich nähere mich dem Zylinder, der ein seltsames Leuchten aussendet. Das Summen wird lauter, es wird zu einer Stimme, eine flüsternde, verführerische Stimme, die mir Dinge verspricht, die ich mir nie träumen lassen hätte: Wissen, Macht, Unsterblichkeit.
Ich kann mich der Stimme nicht widersetzen, ich will all das haben. Ich setze mich vor den Zylinder und lege meine Hand auf ihn. Die Stimme wird lauter, sie füllt meinen Kopf, sie reißt mich aus mir selbst. Ich sehe Bilder, ich höre Stimmen, ich sehe die Welt in einem neuen Licht.
Ich vergesse alles um mich herum, ich bin nur noch eins mit der Stimme, mit der Macht. Ich kann alles schaffen, ich kann alles sein.
Aber dann, plötzlich, durchbricht ein Gedanke die Dunkelheit in meinem Kopf. Ein Gedanke, der mich in Panik versetzt. Ich sehe mich selbst, wie ich schwimmend durch einen endlosen, schwarzen Ozean schwebe. Ich sehe mich selbst, wie ich esse, aber ich kann nichts schmecken, ich kann nichts fühlen. Ich sehe mich selbst, wie ich sterbe, aber ich kann nicht sterben.
Ich reiße meine Hand vom Zylinder, ich schreie, ich renne aus dem Raum, ich renne aus dem Gebäude. Ich renne durch die Dunkelheit, ich renne vor der Stimme davon, vor der Macht, vor mir selbst.
Ich weiß nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wo ich hin soll. Ich bin verloren, ich bin allein, ich bin gefangen in einer Welt, die ich nicht mehr verstehen kann.
Willkommen in meinem neuen Leben.
Last Updated on December 28, 2023
by DaF Books